Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten, er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es an.
Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.
»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden, sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.
»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An diesem schönen Tag …«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete, ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung dieses Mädchens etwas getan werden könnte.
Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr zurecht.
Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung verschließt.
[Achtes Kapitel]
Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche von ihnen nachgaben und sanken.
Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.