Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …« Ihre Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen der Wald.
Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater. Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater, und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu ihrem Vater kommen würde.
Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick, den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit. Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war, die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche Lächeln.
Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her, als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch verborgen war.
Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.
»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!«
Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger.
»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?«
Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und streichelte den gelben Kopf des Hundes.
»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses zufügen, er geht bald wieder fort.«