Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht einschreiten.
Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor, denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, damit Hirte im Haus blieb.
Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand ausgestreckt von sich ab und wankte.
»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje.
Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen Lichtschein.
»Bist du es – oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet …«
»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.«
»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt, aber du …«
Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor, gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme. Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die Hände vor sein Gesicht.
»So ist es Gerom, dein Vater …«, schrie er plötzlich heiser und reckte sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig im Mondschein.