Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den das Herz eilte.

Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren, er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann.

Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten.

In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte, aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden, der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern. Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und nicht redlich seien.

Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte, aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich dir.«

Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt. »Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung, »wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn, draußen sterb' ich gewißlich dahin.« –

Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide, die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der Dämmerung.

»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf.

Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe Merkmale, nach denen man sich richten konnte.

Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam, gedankenlos blieb er neben ihr stehn.