»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.«
Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in die rote Sonne hinein.
»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann, verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.«
Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen, was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund auf seine Hände.
Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die meisten Menschen lieben.
»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn, ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.«
Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für Ratschläge war.
»Anjekind …«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.
Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt hatte.
»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?«