Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen.


[Neuntes Kapitel]

Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still, wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten, und Hirte schlief an der Türschwelle.

Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche, abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten.

Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte sich, wobei er Anje ansah.

»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder. Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus. Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite, damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht, wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte.

Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände, sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein.

Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig, aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an, ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln, das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt.

Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten.