Als Anje an die Moortümpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwärmt worden war. Das Mädchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch entschlossene Härte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen des gefährlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen Körpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so daß er wie auf seiner eigenen Spur verschwand und so, daß seine Bewegungen in der reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schön gezeichnete Tier den Ort gewählt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemächlich langsam zusammen. Der böse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd gegen das warme Licht, als prüfe es seine goldene Wohltat in feinem Genuß, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmücktes Ornament am Boden, kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts geschützt.
Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich langsam in den Schatten zurück, umschlich einen Schlehnbusch, um zur Böschung des Wassers zu gelangen, und löste vorsichtig zwei Steine aus dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und fest um ihre linke Hand, preßte damit den einen Stein an ihre Brust und hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und faßte ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte böse aus den grauen Lichtgründen unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war, daß nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Köpfchen und sah Anje an. Die winzigen Äuglein waren von überraschender Wachheit, aufmerksam und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll mächtiger Anspannung und Anje wußte, daß sie nun keine Bewegung mehr machen durfte. Aber sie fürchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war nur, die Feindin möchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren ungeschützten Körper nur als von jeder Hemmung befreit und glühte vor Gier, den tödlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu zielen, denn sie wußte gut, daß die Augen ihrem Arm nur Dienste leisteten und daß die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte.
Ihr Stein traf das gedämpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wälzen in einem rasch und schmerzhaft gewundenen Knäuel. Das tödlich verwundete Tier bewegte sich nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu wühlen.
Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewölbten Brauen senkten sich ihre hellen Augenlider und ließen den Blick durch einen winzigen Spalt zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den Körper gepreßt, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt, entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drückte ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen und süßen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewußtlosigkeit flackerte.
Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Blätter der Zweige, in denen er einen Teil seines goldenen Glanzes hängen ließ, spielte in fühllosem Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und über den letzten Regungen der sterbenden Schlange. Da rief ein Häher im nahen Busch und schoß mit wenig Flügelschlägen über das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje fuhr empor, wie aus dem Bann eines heißen Traums erwacht und ihre erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lächelte hilflos.
Da sah sie drüben am Ufer, dicht vor einer Krümmung des Bachs, Onne unter den Bäumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe über dem Boden langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlüpfte rasch in ihren Kittel, hob die Hände an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind:
Du kommst über die Wiesen
zu mir in mein Haar,
Der Tau fällt nieder;
nun kommt die Sonne!
Drüben richtete Onne sich mühsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an einem Baum und schützte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte, rauschte das Bachwasser sprühend auf, so daß der Sonnenschein über der Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor ihr und lachte glücklich.