Der Herbst kam langsam über die Landschaften der Einöde wie ein schwermütiger Entschluß Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwärmte Tage von großer Klarheit und in den Gründen des Einödmoors zögerte der Sommer mit seinem Abschied.

Die alte Onne saß eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs gegen einen Birkenstamm gestützt im Todesschatten ihrer versunkenen Zeit, den Bedrängnissen des irdischen Lebens entrückt. Sie lächelte vor sich hin und die unbekümmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an. Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah über dem an die Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere herabhängende Hand berührte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe der Landstraße, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und-hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete über der verbrauchten Hülle ihres Geistes ein zufriedenes Lächeln, als sei ihr mit ihrer Trennung vom irdischen Gut die Erfüllung einer großen Pflicht gelungen.

Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Hütte im Laub am Herd, und Hirte ging durch die Büsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stämme herum auf dem Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf den Plätzen umhergehen oder vor den Häusern in der Frühsonne sitzen.

Der Blätterfall beschäftigte ihn, die welken Sommergäste kamen unauffällig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rötlich oder gelb durch die stille Luft, aber am Boden ließen sich keine Bewegungen mehr feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschließen, sie auf ihrem Weg zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und dachte darüber nach, daß es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel ließ sich wenig erkennen, man mußte abwarten, bis das Licht an Kraft zugenommen hatte.

Er wußte, daß Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; hätte Anje nicht so fest geschlafen, würde er seinem Gelüste nachgekommen sein, seiner seltsamen Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben.

Er ging an die Tür der Hütte und sah vorsichtig von der Schwelle aus hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf die verräucherten Gesimse, so daß die beiden Kupferkessel ein stilles Glühn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter ihrer heißen Wange, und das Gesicht sah ernst und beschäftigt aus. Hirte begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schräg und dachte an Anje. Schließlich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in Dörfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den Rädern oder vom Bock aus. Nicht daß Hirte den Wunsch nach Anschluß an seinesgleichen gehabt hätte, aber man sah doch allerlei und verglich die Pflichten. Je länger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien ihm sein Geschick, das Überfluß an Glücksgütern hatte, und er wedelte in Gedanken und ging wieder hinaus, es mußte abgewartet werden, ob Anje bald erwachte.

Draußen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drängte ihn in den Wald, er wußte nicht wohin. Er ließ den Morgenwind um seine schwarze Nase streifen und atmete die Luft stoßweise ein. Ohne es recht zu wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tür, in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Händen in ihr Haar, ihr Körper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgründen.

Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hölzernen Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers. Hirte war es gewohnt, daß er nicht beachtet wurde, und schaute andächtig zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis quälte ihn und er ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen müsse, daß ein Geheimnis den Wald erfüllte.

Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte sie erst am Herd, daß die Alte die Nacht nicht in der Hütte zugebracht hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden. Die Nächte waren kühl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurück, und die Morgenluft drang durch die offene Tür in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam erlosch. –

Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte sie nicht, sich ihr zu nähern, ihr war, als ob ein kühler Windzug ihre Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an. Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die Luft mit kläglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie schlich bebend heran, langsam und Schritt für Schritt; ihre Bedrängnis war so groß, daß es ihr erschien, als klänge die Luft in einem schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken Finger im Laub rückten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das Tauwasser der Pflanzen, die geöffneten Augen hatten kein Licht mehr.