Da löste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald erfüllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebüsch. Anje wurde von einem Entsetzen gerüttelt, das nicht seinesgleichen unter den Gefühlen der Menschen hat, sie entäußerte sich ihres ganzen Selbst in dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes überströmte und begrub ihre Sinne und das Bewußtsein jener furchtbaren Menschenohnmacht, die die Glaubenden befällt, wenn Gottes Angesicht sich abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer höllischen Bedrohung kennen.
Endlich richtete sie sich wie aus einer Betäubung auf, und der ganze Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als hätten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren geglichen hatten. Mit herabhängenden Armen stand Anje verlassen da und weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Tränen auf Onne herab, und die entwürdigende Qual einer tiefen Schuld zerriß ihr Gemüt immer aufs neue.
So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Schoß der toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie wortlos auf und trug sie heim, als gäbe es keine andere Heilung.
Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in den zusammengelegten Händen kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geöffnet und draußen zog die Nacht vorüber.
Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es für Anje keine fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhörlich bewegte, entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte:
Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und Nacht, Nacht und Tag.
[Elftes Kapitel]
Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es über sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt, die rötlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er, daß Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine war.