Das kahle Land beängstigte sein Gemüt, es gab ihn preis, er vermißte das Dach der Bäume über seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren als Schutz über sich gewußt hatte, und die Windstimmen der Büsche und Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerüstet, dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein höhnisches Lächeln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er schritt immer hart an den Straßenbirken dahin und berührte die eine oder andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lächelte spärlich. Es begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Für einen Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie ein eilender Traum, so flüchtig dahingegangen, daß nur weniges sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er erblickte, zu ihm zu reden.
Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine Scheune hinzugekommen, auch sie war weiß getüncht, wie die übrigen Wirtschaftsgebäude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand nötigten ihm ein fragendes Lächeln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt für vergängliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an, und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Blätter, in ihnen erhob sich der Morgenwind vor Tagesgraun.
Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um ihn zu begrüßen, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse standen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten, und die Vorhänge hinter ihnen zeigten einen knappen, lächerlichen Schwung. Ein junger Bauer in wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der Wirtschaftsgebäude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den merkwürdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut über die Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke verschwunden war, ließ ein Schwarm weißer Tauben sich auf dem Rasenrund der Einfahrt nieder.
Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wünsche, daß Gott dich möchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemäht, nur die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grün. Es begann sich mehr und mehr zu trüben, bis ein milder Regen niederging. Das Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berührungen der Wolken. Gerom betrachtete den genäßten Staub der Straße, und der Gedanke überwältigte ihn, daß Angelikas Füße diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um großen Schmerz hineinzutragen.
Als Gerom die breite gepflasterte Straße mitten durch Gorching ging, zur Rechten und Linken die Häuser und vor sich den spitzen Turm der Kirche, wußte er unter den Menschen plötzlich wieder, daß er ein Mörder war. Er schritt düster dahin bis zum Pfarrhof und begrüßte niemanden, seine Fäuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte, aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frühlingswald am Gurdelbach, und die Weiden blühten. Mitten darin stand sein Kind und bog die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu können. Er fühlte ihr Lächeln wie wärmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte sein Herz bis zur Glückseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm.
Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz auf ihrem Grabhügel, dessen Balken in der Mitte durch ein hölzernes Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte:
Von dem Baum, der sich entlaubt,
tropft ein Blatt auch auf dein Haupt.
Laß die Hand und halte still,
laß es liegen, wie es will.
Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen. Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs neue in seine Dämmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als könnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen Überreste einer Verschiedenen, diese späte Tat des Todes verwirrte ihre Gemüter, als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln über ein verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstört.
Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten an.