»Fürchte dich im Wald,« sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, »ich habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.«

Überrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und sagte ruhig:

»Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn fürchtet, versteht das Leben nicht.«

»In das Leben kommt die Angst«, sagte Anje und legte die Hände unter ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drückte, und mit zitternder Stimme fügte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: »Du bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht ohne dich nicht tun.«

Gerom wandte sich ab und stieß mit dem Fuß an die Holzscheite am Herd, um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrünstig danach, Anje einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschämte ihn. Am späten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte und den einfachen Sinn. Es kam ihm darüber zum Bewußtsein, daß Anje auf diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darüber erkannte er, wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die alte Frau gestorben war. Außer den Darbietungen der Seele gab es für ihn keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer Hütte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten gebückt durch das braune und grünliche Dämmerlicht der großen Bäume.

Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. Über dem einsamen Haus und seinen Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Räumen, die der Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurückläßt. So erhob sich Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer. Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hören, die zu verstummen schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur durch das kleine bläuliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne, einen größeren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der friedsam glühte. Er begegnete Anje auf der Treppe.

»Ich kann nicht einschlafen«, sagte sie.

»Wohin willst du denn gehn?«, fragte Gerom befangen, denn es beschämte ihn, daß er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn übermächtig gepackt, als wälzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die warme Stille ihrer Schläfen, an die gesenkten Augenlider, die am hellsten waren, und an das unschuldige Glück ihres schlafenden Mundes. Heiß und bitter ward er sich bewußt: Ich hab sonst nichts.

Nun hörte er aus der Dunkelheit über sich die Stimme antworten:

»Ich wollte zu dir.«