Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und hängte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus. Dann nahm Gerom ihre Hände:

»Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein«, sagte er mit bebender Stimme.

Er fühlte, wie Anje eifrig den Kopf schüttelte, und er empfand ihr Lächeln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lächelns so gewiß, daß er später in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in diesen Augenblicken hell gewesen. –

So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang in ihr Bereich mächtig geworden, denn das Glühn der Liebeswünsche, die Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergänglichen zu Licht, das wieder auf die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird.


[Zwölftes Kapitel]

Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner Berührung, und ins Gras fielen Tropfen.

Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.

So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben, so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung eines Unmündigen vermutet.

So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb, die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch, aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden: