»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.«
Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte. Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht, so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach, du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich.
Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und fast geschluchzt:
»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben, wenn du magst.«
»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke verschleierte.
»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte. Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich seiner Waffe bemächtigen sollte.
Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die Jagdbüchse gegen Fridlin.
Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte, bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend, mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte. Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß.
»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte.
Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen, Alter …« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat, ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß, schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind …«