Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile, bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend, ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte, das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog, setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte, so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein, für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen Morgenluft.
Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken, die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war und daß sie an seinem Hals gehangen hatte.
Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.
[Dreizehntes Kapitel]
Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte, bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin.
Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers, und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn, daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom Herzschlag der lebendigen Natur.
Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich in ihrer Freude daran.
Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes Kindermund die seltsame Antwort gekommen:
»So wird Gott die Schuld gutmachen.«