Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit bebender Stimme rief Onne:
»Er ist gekommen und hat es getan!«
»Warum weinst du?« fragte Anje.
Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.«
Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.
Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte, der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus, bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine Spur im Schnee.
Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar, als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht des Mondes, der aufgegangen war.
Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut, sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm.
In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.