Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer anderen Stätte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drängendes Unterbewußtsein von Augenblick zu Augenblick an Macht über ihn gewann. Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen seines Gemüts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbände. Er fand die Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag. Dort erkannte er beim zögernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle, unförmige Masse am Boden zwischen den Himbeersträuchern und versuchte auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Büschen stehend, die Formen des Körpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete sorgsam darauf, kein Geräusch hervorzurufen.

Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, saß das Anjekind mit gefalteten Händen.

So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nächtliche Licht ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden stillen Haltung wie eine zur Hälfte versunkene Statue, besonders weil der Mond von hinten her auf ihren Körper schien und das eintönige dunkle Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelöst war, sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewöhnlich groß aus, es ruhte fast unförmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von ihnen abwärts sanken die Linien der hängenden Arme gerade nieder, von bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, daß sie ihn ansah.

Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber durchmaß sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten Begegnung im Sommergrün am Gurdelbach bis zu diesem nächtlichen Waldplatz führte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vögel durch staubigen Wind getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkündet. Mit einer übergroßen Ermüdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so daß er hätte still und in Rührung über sich selbst vor sich hinweinen können. Er sagte laut:

»Ich bin unschuldig.«

Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in einem fröhlichen Eifer täte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem, Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand die Zweige der Sträucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den Nacken, so daß er im höchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurückbiegen mußte, um sie ansehen zu können. Sein Mund öffnete sich etwas, und seine aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte ihren Körper leicht an den seinen, so daß ihn ein rätselhafter Schauer für einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche Schmiegsamkeit dieses Körpers und einen Hauch, dem Geruch welkender Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er ihren Mund, der mit geöffneten Lippen in einer wehmütigen Verzerrung lächelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod.

In der jähen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, daß Anjes Kopf durch sein Aufschrecken zurückgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als hätte ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nähe des Herzens gegen seine Brust geschlagen. Erst beim nächsten Atemzug begriff er, was ihm geschehen war und sah hinab: merkwürdig plump und unwirklich hockte der Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das Herz seines Lebens, zog ihn in einen süßlichen Taumel von Ohnmacht hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch und eine Frage in seinem übermüdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im Bewußtsein gekostet zu haben. –

Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einöde umdunkelten sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Gründen der Sümpfe in die Lichtung, jene Dünste, die den beklemmenden Geruch wie von Teer und alter Erdnässe mit sich bringen, wie sie dem späten Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den Augen am nächsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, während schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in der einförmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten. Die kreisende Erde setzte unermüdlich ihre Reise fort, mit den toten, den lebendigen und den heraufdrängenden Wesen der Natur.


[Vierzehntes Kapitel]