Zwei Tage nach diesen Ereignissen erhielt das Forsthaus der Dachenau einen ungewöhnlichen Besuch; es war Hirte, der in einem traurigen Zustand vor der Gartentür anlangte und hineinzukommen versuchte. Die Jagdhunde des Försters erschwerten ihm sein Vorhaben nach Kräften und im besten Glauben, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Hirte gezwungen war, sich bis zur Ankunft eines Menschen im Gebüsch zu verbergen, wo er sich in das welke Laub legte und wartete. Er leckte den weißen Reif von den braunen, gekrümmten Blättern, weil er durstig war, und zitterte vor Hunger und Kälte, denn in dieser Nacht waren die ersten Fröste niedergegangen, und schon den ganzen Morgen über rauschte, wie ein bunter Regen, überall das Laubwerk zu Boden.
Als der Förster erschien, wagte Hirte sich aus seinem Versteck hervor, und wie er es erhofft hatte, wurden die beiden Jagdhunde sogleich zurückgerufen, als sie ihn durch ihren Zorn verrieten. Der Förster trat hinzu und zog die Brauen hoch, als seine Blicke über den armen Hirte hinglitten, dessen Zustand bejammernswert war. Er schien sich kaum auf den Beinen halten zu können, und sein nasses ruppiges Fell sah aus, als ob es zerfetzt und durchlöchert wäre. Aber Hirte schämte sich seines Zustands nicht, er nahm auch keine Nahrung an, obgleich er so von Kräften war, daß ihm das Laufen Mühe machte. Er war glücklich, einen Menschen gefunden zu haben, und mit seinen nachdenklichen Augen, die nie anders als traurig dreinschauen konnten, lief er ein Stückchen in den Wald, kehrte um, suchte die Blicke des Försters und verschwand wieder im Wald.
Da nahm der alte Mann mit ernstem Gesicht seine Jagdbüchse über die Schulter, schloß seine eigenen Hunde im Hofe an und folgte Hirte. Auf dem langen Weg, der bald durch unsicheres Gelände, bald durch Wald und Erlendickicht führte, überkam den Förster eine immer größere Besorgnis, die sich langsam zur Angst steigerte, je unermüdlicher Hirte zur Eile anzutreiben schien. Das häßliche Tier, dessen Eifer mit seiner letzten Körperkraft rang, rührte ihn so tief, daß er mit einer ganz ungewohnten Bewegung kämpfte. Als der Hund wieder bei ihm anlangte, beugte er sich nieder und klopfte liebevoll den mageren Rücken und streichelte den unschönen Kopf, der seine Gedanken nicht verraten konnte und unter dem ein Herz aus verborgenen Gründen her ein unerforschbares Liebeslicht in die matten Augen schickte. Sie hatten nun die alte Landstraße längst überschritten.
»Hirte,« sagte er, »Hirte, was ist denn geschehen?«
Das Tier entzog sich seiner Liebkosung ohne Erkenntlichkeit und eilte wieder voraus. Oft, wenn ein Hindernis dem Alten den Weg erschwerte, stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu. Er bändigte seine Ungeduld, und es erschien fast, als riete er zur Vorsicht.
Der Förster wußte, daß Fridlin nun schon die zweite Nacht nicht in die Dachenau zurückgekehrt war, und wenn er nicht erbittert auf den jungen Menschen gewesen wäre, so hätte er sicher Nachforschungen anstellen lassen. Vor ihm verschwand Hirte in einer Lichtung zwischen Himbeerbüschen und kam nicht mehr zurück. Der Alte schüttelte den Kopf und stolperte eilig über den unebenen Grund voran, dieser Ort lag wohl eine Stunde von Geroms Blockhaus entfernt. Da sah er die großen, dunklen Flecke durch das Gezweig, zwei, drei, und zwischen ihnen bewegte sich der braune Hirte, um sich dann niederzulegen.
Der alte Mann reckte die Arme gegen das Bild aus, das sich ihm darbot. »In meinen alten Tagen soll ich es sehen …«, stammelte er und stand still da, als wäre die unbeschreibliche Erstarrung auch über ihn gekommen, die über den stillen Menschen vor ihm lag. Aus einem Busch, dicht zu seiner Seite, sahen ihn trüb und hell die gebrochenen Augen seines jungen Gehilfen aus einem weißen Gesicht an. Der Kopf war zurückgeworfen und hatte keinen Halt, er hing leblos nieder, mit Reif auf der Stirn, und diese ihres Lebens beraubten Augen spiegelten den großen leeren Himmel, der sich grau und kalt, wie eine letzte Hoffnung, über der verlassenen Erde ausspannte. Aus der Brust des Toten starrte der Knauf eines Jagdmessers, der aus Hirschhorn geschnitzt war, und rätselhaft zärtlich ruhte die erkaltete Hand daneben, wie die blutlosen Hände der Märtyrer in Verzücktheit das erleuchtete Herz der Brust zu schützen scheinen.
Dem Toten gegenüber erkannte er die derbe Gestalt des Einsiedlers Gerom an dem großen grauen Bart, der die halbe Brust verdeckte. Auch Gerom war tot, seine Augen waren geschlossen, und der Reif der Nacht glitzerte auf den Lidern, wie er auf den Halmen und Steinen umher und auf den welken Blättern glitzerte. An seine Seite geschmiegt lag sein Kind. Anjes Arm war von unten her um den Hals ihres Vaters geschlungen, so daß sein Haupt an ihrer Schulter ruhte, und sie hatte ihre Wange an seine gepreßt. In einer Gebärde von Frömmigkeit, die hilflos und unaussprechlich liebreich war, war ihr nur dürftig bekleideter Körper an den seinen angedrückt, sie deckte ihn spärlich mit ihren zarten Gliedern, und der Ausdruck ihres Gesichts war von abweisender Bitterkeit.
Da sah der Förster, der sich bisher nicht zu rühren gewagt hatte, daß ein kaum spürbarer, feiner Hauch aus ihrem Mund in die kalte Morgenluft emporstieg, und von wilder Freude und Angst emporgerissen, stieß er einen rauhen Schrei aus, der so unbeherrscht war wie sein jäher Sprung zu den Beiden hinüber.
»Kleine!« rief er. »Anje! Anjekind!«