Sie rührte sich nicht. Es erschien ihm nur, als ob ihr Arm, der den Vater hielt, eine schwache Regung zeigte, in der er sich fester um den erstarrten Hals legte. Da warf der Zitternde seinen groben Rock ab, riß sein Tuch vom Hals und hob das Mädchen behutsam vom nassen Boden auf. Er schien alles andere um sich her vergessen zu haben, und das Grauen, das von den Toten ausging, berührte ihn nicht mehr, vor Freude bebend hüllte er Anje in das derbe Tuch seines Rocks. Wie kühl und leicht ihr schlanker Körper war. Seine Augen gingen ihm vor Erbarmen über, als er die erstarrten Glieder des Kindes an ihren leblosen Körper legte. So hob er sie auf seine Arme und eilte mit großen Schritten davon, seine Last so fest an sich pressend, wie ihre zarte Gestalt es ihm zu erlauben schien, und den warmen Hauch seines Mundes auf dem nassen bleichen Angesicht an seiner Brust.

So sah er im Davoneilen nicht, daß Hirte sich erhob und Miene machte, ihm zu folgen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er machte ein paar Schritte, zögerte und sah den Beiden nach, die bald zwischen den Baumstämmen verschwunden waren. Die braunen Augen unter den Stirnfalten sahen Anje nach, solange er noch eine Bewegung in der Ferne wahrnahm, dann kehrte er um, legte sich neben Gerom auf den Boden, den großen Kopf auf den Vorderfüßen, und schloß die Augen.


Anje hatte von aller Fürsorge der erschütterten Menschen, die sie in ihr Haus aufnahmen, nichts empfunden. Die beiden kalten Nächte und ein langer, grauer Tag, die sie wie in einem Zustand der Betäubung mit ihren Schmerzen zugebracht hatte, waren stärker gewesen als der ohnmächtige Widerstand ihrer Seele, die keine andere menschliche Zuflucht kannte als das Herz ihres Vaters. –

Nun erwachte sie in der ruhigen Nacht und schlug ihre Augen auf. Sie erblickte ein großes, fremdes Zimmer, das in sanftem Licht erglänzte, aber sie erkannte nicht, daß es Licht vom Mond war. Sie lag in einem breiten Bett, dessen Leinen duftete, und man hatte ihr ein weißes Kleid angezogen, das ihr kühl und schwer erschien, aber so rein wie Schnee. Alles umher, wie auch der Atem ihrer Brust, war unendlich leicht und frei, sie glaubte zu träumen und versuchte sich zu besinnen. Aber durch ihr Gemüt zog nur der geheimnisvolle Beginn ihres kleinen Buchs, als erinnerte ihre Hoffnung sich. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …«

Durch das unverhangene Fenster sank der Mondschein so hell in den stillen Raum, daß Anje an der Wand zwei Bilder erkannte, die Begebnisse auf der Jagd darstellten, eilende Menschen, gefleckte Hunde und einen sinkenden Hirsch, der am Rande des Wassers in die Knie gebrochen war. Dazwischen hing das Bildwerk eines Mannes, der mit ausgebreiteten Armen an zwei Balken schwebte, die ein Kreuz bildeten, sein Kopf hing zwischen den Schultern herab und trug einen rauhen Kranz, der seine Stirn verwundet hatte. Anje versuchte sich aufzurichten, aber auch so erkannte sie mit Erschrecken, daß die Hände und Füße des Mannes mit Nägeln an das Holz geschlagen waren. Das Blut troff dunkel daran nieder, und sein gemarterter Leib wand sich, wie in großen Schmerzen, zur Seite.

Anje begriff nicht, was dies Bildnis großer Menschengrausamkeit in diesem Raum bedeuten sollte, ein kaltes Entsetzen schüttelte sie barmherzig in ihr Fieber zurück, aus dem sie kaum erwacht war, und die aus einem finsteren Reich auftauchende Ahnung an eine große Traurigkeit, die sie nicht hatte ertragen können. Ihre Sinne versanken aufs neue in die Dämmerung des Schlafs, und lautlos brach die gnädige Nacht über sie herein.

Aber es träumte sie, daß die Tür sich öffnete und Onne über die Schwelle trat, um sie zu fragen, ob sie in den Wald zurückwollte. Sie sprang jubelnd auf, und der Sonnenschein begegnete ihnen, das Glitzern des Morgens an den Pflanzen und das Rauschen der Bäume im Wind. Mit seligem Eifer eilte sie voran, der blaue Himmel erstrahlte im grünen Waldfrieden, und das Wasser des Gurdelbachs zog, bald feierlich, bald leise plätschernd, über dunklen Grund. Am Ufer schaukelte das Schilf, von dessen geneigten Blättern die Libellen sich in die durchschienene Luft erhoben, und der Kuckuck rief aus den Birkengründen. Sie trug wieder ihren grauen Kittel, und die warme Herrlichkeit ihrer Kinderfreiheit umfing sie.

Aber da sank, wie eine uralte Erinnerung der Erde, die Liebesangst in ihr Herz, sie wandte sich an Onne und fragte schüchtern:

»Führst du mich zum Vater?«