»Ich finde den Weg nicht!«

Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen.

»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.

Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.

Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.«

Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, sondern im Geist und in der Wahrheit. —

Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.

Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand.

Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. —

So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein vermag.