Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.
Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.
Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer. Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte und sagte:
»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.
Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme.
Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.«
Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines deutlichen Bildes:
»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«
Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir ohne Groll.