Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.
Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im Hellen zu verharren.
So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind.
Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und nicht den dahinwelkenden Docht.
Sie sagte mir auf meine Frage:
»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.
Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht.
Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche — und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«
»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!«
Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu scheiden vermochte.