Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:
»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.«
»Niemals«, sagte ich.
Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.
»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«
»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.«
Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.
»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...«
»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.«
Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen finden sollen.