»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war diese Tote?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Sie weichen mir aus.«
»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.«
»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den ich nicht verstehe.«
Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen:
»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...«
Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. — Aber meine Kraft war zu Ende.
Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt.
»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich fröhlich!«