»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...«
Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns befanden.
In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns hinüber.
Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.
Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein klingender Schleier.
Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.
»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen sprechen.«
Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd:
»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie führt.«
»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie mich gehen.«