Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und wie die Nacht.
Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein.
Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege und Grab ...
So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.
Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen, doch verwalten.
Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten. Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in mir und aller Liebe.
Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes nächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.
Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut auf — das Meer!
Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...
Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht.