Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein.

So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.

Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht brach.

Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.

Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich lange schlief. —

Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon mein Bruder.

Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?«

»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«

»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.«

»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der Decke herab.«