»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.
— Du große Frühlingsfrage!
Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. —
Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete.
Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort.
Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.
»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!«
Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet?
Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.