»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen, fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht — aber gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich beruhigen.«
Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:
»Du verstellst dich, Kaja.«
»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«
»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«
»Ach — so —«
»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.«
Sie verstand sofort:
»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern.
Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und Trotz.