»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?«

»Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen einsteigt?«

»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«

Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak heiß.

»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend.

»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen wirst?«

»Du kannst nicht lieben, Kaja.«

Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich — nicht — lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb nicht?«

»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«

Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.