»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden.

»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ...

»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir dann etwas zu uns nehmen.«

Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!

»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es verächtlich klang.

»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«

Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.

»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die Tante.

Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.

Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.