»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder schlägst ...«
Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.
Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle über dem Sand.
Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.
Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben war.
Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise tranken.
»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«
Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.
Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind: