Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.
Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und Funken.
Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige Feuer der Lüsternheit entzündet hat.
Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.
Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.
Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie —— wie einst mich. War ich nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten singen müssen.
Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir und Kaja entstanden, für immer.
Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler blieben.
So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob und zitternd vor mir stand.
»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.