Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern.


Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres Daseins.

Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was er sah. —

So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile schützten.

Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.

»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? — Wo warst du?«

Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah.

Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung.

»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...«