»Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie ein Falke im Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der Schöpfung, wie auch den Menschen, erkennen willst, so mußt du sie in ihrer Freiheit aufsuchen. Die Lerche fliegt höher als alle anderen Vögel, nur die Adler schwingen sich soweit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung gesetzt, die, früher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag verkündet.«
»Alle Achtung,« meinte Onna, »ich brächte das nicht fertig, aber ich habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne weiteres, daß ein so kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken? Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche.«
»Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn«, meinte der Elf, und die Lerche nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen, als würde alles in der Welt reich und gut durch seine Nähe.
»Wenn du einst heimfliegst, will ich singen«, sagte sie endlich, und sie nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und winkte der Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne entgegenflog.
Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch zu besuchen, der schwer mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis fertig, das das Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch eine Weile damit, dann wird das Gemüt ruhiger.
Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen hatte, vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und überall umher zuzuschauen, wie schön das Leben war.
Zehntes Kapitel
Assap und Jen
Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in Berührung kommt.
Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstämmen hausten. So hatte er und sein Bruder Jen schon in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlend schön, und sie hockten vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise seinen Frühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei, was er eigentlich hätte tun müssen.
Gott, der du im Himmel bist,
über allem Leben,
sorge, daß hier Wasser ist
und auch Land daneben.