Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der Verzweiflung. —

Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.

»Martin!« rief er.

Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:

»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in Ruhe sterben sehen?«

Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.

»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.«

»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne Teilnahme.

Wo Herr Friedel wäre.

Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können.