»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«

»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?«

Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht kannte.

Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.

Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.

Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! — Jetzt taumelte Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige Waldungen in der Sonne.

Es führte kein Weg dorthin zurück.


Vierzehntes Kapitel

Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.