»Nein. Das könnte ich hier tun.«
»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.«
»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.
»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.
Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm öffnete.
Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu haben schien.
»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«
Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin zurück.
»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«
»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«