»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«

»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.

Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines Zorns.

»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein Lied daraus.

Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die Gläser graviert.

Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ...

Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.

»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.«

Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt.

»Ich gehe!«