»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein im Bann hält.«

»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es ruhig hin.

Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und für wen blieb sie es?

In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse:

»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,
eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;
die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.
Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,
einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;
die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,
eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«

»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?«

Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.

Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehen ...«

Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas von Wartalun:

»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es gegriffen?!«