»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung des alten Herrn.«

Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und lächelte.

Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.

»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«

Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.

Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich erschien.

»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit ist eine Freude für mich.«

Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.

Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.

»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte sagen wollen.