»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.«

»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie antwortete.

»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...«

Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:

»Wer hat, dem wird gegeben.«

Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.

Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll unbestimmbaren Glaubens.


Fünfzehntes Kapitel

Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen ließ.