Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für eine kurze Weile.
Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des Pferdestalls eine Laterne.
Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.
Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.
Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male gesehen:
»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht hatten.
Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. —
Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. — Aja und Fenn waren ja nicht bei ihr. — Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres, das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück.
»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«
Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern aus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark.