Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.
Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte?
Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.
Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:
»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.«
Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen:
»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.«
»Weshalb?« fragte er.
Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:
»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« —