Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.

Sie nahm das Pferd wieder herum.

»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:

»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu beweisen?«

Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.

Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.

Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.

»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!«

Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.

»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« —