»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...«
Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt.
»Ich muß zu dir, Afra.«
»Jetzt nicht, geh!«
»Es ist wichtig.«
»Bleib draußen!«
Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.
Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen. — Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:
»Ich muß mit dir sprechen.«
Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.