Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt.
»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!«
»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.«
»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du tust!«
»Ich weiß es!«
»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan hast.«
»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.«
Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.
»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er:
»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«