»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...«

Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst.

Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war. Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«

Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den rankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.

Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:

»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?«

Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:

»Wer bestehen kann? — Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«


Sechzehntes Kapitel