Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.

Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.

Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los.

Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen der Seele.

Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer eigenen Erlösung. —

Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:

»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du begleitest mich als die Hüterin meines Verlangens nach dem Vollkommenen.

Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht, Heimweh und Vollendung. Ich bin

Benvenuto Paule.«

Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um, begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen, wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da bin ich.«