Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es fremdartig, klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?

Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres Daseins.

Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« —?

Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß für immer zu verlassen.

»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst. Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es bewegt, komm, sieh ...«

»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.«

Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:

»Glaubst du, sie hielte nicht aus? — Ganz andere Sachen! Hast du eine Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn überhaupt schon wieder fort?«

»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«

»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«