»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn werden?«
Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt, Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr unentbehrlicher war.
Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen, nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein müder Schritt hallte angstvoll wider ...
Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen. Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte, und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen. Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund, den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten, dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen, satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind, sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.
Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in einer blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte, und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung.
Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.
»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?«
»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?«
»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin — ja, der Herr ist hier gewesen ...«
Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien, die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf: